Neutour Kanadischen Rockies - Bugaboos
Donnerstag, 7. September 2006 von Hannes MairMuch Mayr, Oliver Renzler und Hannes Mair klettern Sunshine Wall am Snowpatch Spire wieder frei

Jetzt ist es gelungen: die am meisten betrachtete Wand der Bugaboos in den kanadischen Rocky Mountains ist entlang der Sunshine Wall wieder frei kletterbar. Die einzige freie Route durch den zentraleren Teil der eindrucksvollen Granitwand wurde durch einen Wandausbruch vor Jahren zerstört. Nun kletterten die Tiroler Much Mayr, Hannes Mair und Oliver Renzler im September 2006 einen neuen Verbindungsdurchstieg im unteren neunten Schwierigkeitsgrad.

Die Ostwand des Snowpatch Spire übersieht niemand. Wer in den Bugaboos klettern will, wird durch die Parkregeln gezwungen, darunter zu übernachten - sei es in der einzigen Berghütte der Gegend oder in einem der zwei ausgewiesenen Campingplätze, die direkt unter der gewaltigen Wand liegen. Verlockend leuchten die steil aufragenden Granitfluchten jeden Morgen bei Sonnenaufgang, wenn die Kletterer aus ihren Zelten kriechen. Lust auf die 500 Meter hohe und 800 Meterbreite Wand haben die meisten, aber Hand anlegen tun die wenigsten. Und wenn, dann allerhöchstens im allerrechtesten Wandteil und am wunderschönen, ähnlich klingenden Sunshine Crack in der Nordwand. Die Sunshine Wall etwas weiter links aber schläft ihren Dornröschenschlaf.
Natürlich hat die Ostwand ihre Jungfräulichkeit schon vor vielen Jahren verloren. Über alle markanten Risse und Verschneidungssysteme nagelten sich Seilschaften dem Gipfel zu. Und dann gelang 1975 die erste Begehung der Sunshine Wall, die ihrer Zeit weit voraus war. Die Route wäre wohl schnell zum Klassiker geworden, wäre da nicht ein 150 Meter Quergang mitten in der Wand, eine schlechte Beschreibung, die falsch bewertet und beschrieben, viele zum Umkehrenzwang, und dann eben der Wandausbruch. Wo einst große Schuppensysteme einen leichten Durchstieg des ersten Wanddrittels ermöglichten, blieben brüchige und glatte Platten zurück. Route und Hauptwand gerieten ins Abseits, nur ganz rechts gelangen schwierige Freikletterprobleme.
Unser Hauptziel waren eigentlich die noch höheren Westabstürze der Howser Towers. Aber nicht nur wer im Park übernachten will, sondern auch wer zwei Jöcher weiter zum East Creek Camp und zu den Towers möchte, muss am Snowpatch Spire vorbei. Drei Stunden hatten wir die 35 bis 45 Kilogramm schweren Haulbags zum ersten Campground geschleppt, da waren die Knie bereits müde, der Himmel weiterhin tiefblau und aus der Wand rief Dornröschen. Das war ein Wink: das gute Wetter sollten wir sofort nutzen. Zwischen zwei Wasserstreifen war die Wand routenfrei und – womöglich – eine freie Linie kletterbar.
Am nächsten Morgen leuchtet die Wand zwar wunderbar, aber die Howser Towers sind uns wieder zu Kopf gestiegen. Sollen wir wirklich hier Zeit verlieren und vielleicht keinen frei kletterbaren Durchstieg finden? Nein, das lohnt sich nicht. Wir schultern die schweren Houlbags Richtung über die Jöcher. Am Weg direkt unter der Snowpatch-Wand obsiegt jedoch das weinende Auge. Wir hauen alles hin, studieren die Linien jetzt aus unmittelbarer Nähe. Ich sehe die Möglichkeit immer noch zwischen den zwei schwarzen Wasserstreifen, Hannes ein Stück weiter links, Much eigentlich nirgends. Vorsteigen muss er, entscheiden also auch. Nach einer Stunde gehen Hannes und ich enttäuscht zum Gepäck an der Moräne zurück. Much bleibt und studiert und seine freudige Erregung strahlt bald über den Kargletscher herüber. Also doch! Probieren, zwischen den Wasserstreifen, von links nach rechts müsste es gehen.

Bei einbrechender Dunkelheit und nach drei schön langen, schwierigen Seillängen kauern wir am Sims wenig unterhalb der langen Sunshine-Wall-Querung. Wir seilen ab und lassen die Stricke hängen. Das vorgeschriebene Camp mag zwar nur eine halbe Stunde retour sein, aber die schweren Säcke tragen wir sicher nicht zurück. Wir finden ein Plätzchen und träumen von einer Verlängerung der Erstbegehung am nächsten Tag.
Die Sonne hat den Fels schon schön erwärmt, als wir am Gletscherrand ein paar Kanadier treffen. Sie sahen uns am Vorabend und wollen wissen, ob wir die Neutour frei bis zur Sunshine-Wall-Querung klettern konnten. Sie hatten es selbst schon probiert, waren frei aber gescheitert. Da waren wir wohl gerade noch rechtzeitig, oder Much einfach stärker. Die erste Seillänge ist immerhin ein schöner Off-witdh 7er, die zweite Länge auf einigen Metern ein überhängendes, brüchiges Risssystem im 8ten Grad, das Much on-sight genoß und die wunderschöne dritte Länge führt in einen kompakten überhängenden Handriss und weit spreizend links in eine Verschneidung (9-). Schrubben mit der Stahlbürste war notwendig, bevor Much seinen Vorstieg punkten konnte.
Unsere Freude mit „Tekenika“ ist groß, als wir mit den Jümars den Schlüsselpassagen entlang nach oben schweben. Eine weitere Seillänge führt uns heute über den Quergang hinaus. Doch der Riss weit darüber entpuppt sich als verwachsen (auf dieser Höhe!, ca.3000 Meter ü. d. M.) und dann geschlossen. Wir seilen wieder zum Band ab und queren nach rechts. Drei Seillängen musste früher für die Sunshine Wall nach rechts zu herrlichen, frei kletterbaren Rissen gequert werden, jetzt nur noch eine. Doch 15 Meter vorher wollen wir es noch einmal wissen. Ich hatte Much angemerkt, dass er dort lange stehen blieb, bevor er zum Stand unter den Originalrissen weitergequert war. Beim Nachkommen sticht auch Hannes und mir die direktere Linie ins Auge und es braucht wenig, unsere Lokomotive fürs Zurück und Hinauf ins Neuland zu motivieren. Leider ist auch hier nach einer langen Seillänge Schluss. Der Granit weitet sich zu einem mit unserer Ausrüstung nicht abzusichernden überhängenden Rißsystem, das in Kombination mit hier kleinschuppigen Fels die sonst unverwüstliche Moral Muchs zur Umkehr zwingt.

Während dieser Versuche macht die Zeit nicht halt. Zurück am Band entscheiden wir uns endgültig für die Originalroute. Amerikanisch 5.9 und 5.10 ist sie in zwei Bugaboo-Führern ungenau und schlecht beschrieben, „aber vielleicht doch in 5.11 anzusiedeln“, wie es dort heißt. Zu recht, denn 5.11 ist sie bestimmt. Die Wegsuche gestaltet sich oberhalb der Rissverschneidung schwierig, nur sehr alte Schlingen bezeugen den rechten Weg. Bald vor Sonnenuntergang stehen wir am Nordgipfel. Eine herrliche Kletterroute durch die meist bestaunteste Wand der Bugaboos liegt hinter uns, das Panorama auf die Nordseite der Howser Towers ist prächtig, das Abseilen über die vom letzten Sonnenlicht überflutete Nordwand mit Sunshine Crack ein einziger Traum. Was will man mehr?!
Die zwei Tage hatten uns ausgepumpt, der Wetterbericht war unsicher. Ohne Gepäck stiegen wir zum Auto ab, um wenige Rasttage später wiederzukommen. Da lagen dann schon 50 cm Neuschnee auf den Howser Towers, Schmelzwasser rann die Risse runter, zu Eis erstarrte es nachts. Und damit verfiel auch unser Traum von einer wirklich tollen Erstbegehung an den Towers in den Winterschlaf. Doch der nächste Sommer kommt bestimmt.
Text> Oliver Renzler
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