Elbrus 2006

ELBRUS Expeditionsbericht

Elbrus 5642m - einer von 7 - scheinbar einer der leichteren der 7 Summits. 15 Tage, 2 Gipfelerfolge mit insgesamt 8 Gästen, schlechtes Wetter, Sturm und die tragischen Ereignisse auf diesem sogenannten leichten 5000er.

28.04.06 - Start einer Tour in den Kaukasus – das Ziel ist eine Schitour auf den höchsten Berg Europas. Der Flug nach Mineralny Vody und die Anreise mit dem Bus nach Terskol bzw. Azau verlaufen problemlos. Wenn man bedenkt , dass dieses Gebiet nur ca. 400km von Tscheschenien entfernt ist und dass es an Georgien direkt angrenzt, ist trotz Reisewarnung des deutschen Aussenministeriums nicht viel Bedenkliches zu sehen oder zu spüren. Abgesehen von der ein oder anderen Militär- bzw. Polizeikontrolle.

Fast jeder, der in diese Region zum Bergsteigen fährt, hat als Ziel den Elbrus – einige nehmen sich dafür 10 bis 12 Tage Zeit, andere nur 8 Tage. Wenn man bedenkt, dass die Akklimatisation bei einem Menschen zwischen mindestens 7 bis zu 14 Tage dauern kann, ist es schon aussergewöhnlich, wenn man dann glaubt, nur weil es der höchste Berg Europas ist, könnte man den 5642 m hohen Elbrus so ganz einfach austricksen. Natürlich versucht man, die kurze Zeit, die man hat, bestmöglichst zur Akklimatisation zu nutzen. Doch wenn man dann schon am 2. Tag nach einer Akklimatisationstour auf den 3450 m hohenTscheget-Gifpel ins Tal kommt und den Wetterbericht für die nächstenTage zu hören kriegt, muss man nicht selten das komplette Akklimatisationsprogramm verwerfen und sich den Witterungsbedingungen anpassen. Wobei man vielleicht noch kurz erwähnen soll, dass die Wetterberichte für diese Region sehr unzuverlässig sind, da anscheinend die meisten Wettersateliten dieser Region defekt sind und die russische Regierung scheinbar kein Geld dafür aufbringen kann oder will. In unserem Fall war auf jeden Fall der Wetterbericht nur für den 3. und 4.Tag einer 8-tägigen Reise gut prognostiziert. 

So sind wir schon am Sonntag, 30. April mit der veralteten Elbrus-Seilbahn bis zum den Botschki (Biwackschachteln) auf 3750 m gefahren. Um sich besser an die Höhe anzupassen, sind wir dann weiter zu Fuss zu den Pastuchov Felsenbis auf 4700 m aufgestiegen.

Schon am 1. Mai haben wir dann aufgrund der Wettervorhersage den Gipfelversuch gestartet. Aufgrund der nicht vorhandenen Akklimatisationsphase haben wir die Möglichkeit genutzt und sind von den Botschki auf 3750 m um 4:30 h morgens mit einer Snowcat bis knapp vor die Pastuchov Felsen auf ca. 4500 m gefahren. Um 6:15 h sind wir dann als 9er-Gruppe, inkl. einheimischer Führer, zum Gipfel gestartet.

Während des ganzen Aufstieges war es zwar etwas windig, aber immer wolkenlos und strahlend blau. Die tiefste Temperatur beim Weggehen war minus 22 °C, was inkl. Wind ca. minus 40 °C ist. Für die etwas mehr als 1000 Hm bis zum Gipfel benötigten wir dann immerhin noch fast 7 h.

Da macht sich dann natürlich die schlechte Akklimatisation sehr stark bemerkbar. In der ersten Gruppe konnten an diesem Tag 7 Teilnehmer den Gipfel erreichen. 

Auch der Abstieg verlief relativ problemlos, nur für die letzten 200 m bis zu den Pastuchov Felsen erforderte die Müdigkeit 150 m Fixseil, um ein sicheres Absteigen zu gewährleisten. Das Aufsteigen mit Ski bzw. das Abfahren vom Gipfel ist für die meisten zwar das Ziel einer Winterbesteigung, jedoch zu 99 % eben nur Wunschtraum. Fast immer trifft man ab einer Höhe von 4700 m auf eine abgeblasene ca. 30 – 35 ° steile 300 Hm Blankeisflanke. Auch der weitere Weg ab dieser Höhe ist zum grössten Teil hartgepresst oder blank. Wir haben den gesamten Aufstieg von 4700 m bis zum Gipfel und retour mit Steigeisen bewältigt und erreichten um ca. 15:30 h wieder unser Skidepot, von wo weg wir die letzten 800 m bis zu den Botschki abfahren konnten.

Lt. einheimischem Führer war dieser Gipfeltag von den Witterungsbedingungen eher mit einer Sommerbesteigung zu vergleichen. Trotz für diesen Berg mässigen Temperaturen und wenig Wind holte sich einer der Teilnehmer schwerste Erfrierungen an der rechten Hand. Schon am Nachmittag wechselte das Wetter zu Schneesturm und extremer Kälte. Am Morgen des 2. Mai herrschte noch immer Schneesturm, trotzdem verliessen wir die Botschiki Richtung Tal. Der Teilnehmer mit den schweren Erfrierungen musste dringend ins Tal und nach Hause. Zum Glück war eine Liftabfahrt möglich und schon um 9:30 h erreichten wir das Hotel. Der Rest der Truppe konnte mit dem einheimischen Führer bis ins Tal abfahren. Aufgrund des extremen Schneemangels in Tallagen ereignete sich dann auf diesem Weg ein weiterer Unfall. Einer der Teilnehmer stürzte und brach sich dabei die Schulter. Die Organisation des Rücktransportes nach Deutschland, bzw. Österreich verlief dank Alpenvereinsversicherung für beide problemlos. Ein kurzer Besuch im örtlichen Krankenhaus erwies sich eher als Ausflug ins Museum, als dass er auf irgendeine Weise gesundheitlich hilfreich gewesen wäre. Nachdem die beiden Verletzten abgereist waren, ergab sich für die restlicheGruppe noch einen weiteren Tourentag bei Schlechtwetter mit Militärkontrolle im Gelände.

    

Am Freitag dem 5. Mai ist die erste Gruppe abgereist und ich übernahm eine zweite Führungstour mit demselben Programm. Der Wetterbericht schien wieder exakt dasselbe vorherzusagen wie schon vor einer Woche. Wieder erreichten wir schon am Sonntag nach einer Akklimatisationstour die Botschki und mussten den Montag, 8.5 als einzigen Gipfeltag in Kauf nehmen. Anders als eine Woche zuvor war es allerdings an diesem Tag von Anfang an etwas bewölkt und das Wetter wechselte von blauen Phasen bis leichten Schneeschauern bis hin zu absolut keiner Sicht, Nebel und Schneesturm. An diesem Tag versuchten ca. 50 Personen den Gipfel zuerreichen. Da die Gruppe auch dieses Mal nicht wirklich gut akklimatisiert war, bevorzugten wir auch bei diesem Gipfelversuch die Snowcat-Variante.

Aufgrund starkem Wind und extremer Kälte hat der erste Teilnehmer bei noch guten Sichtverhältnissen aber schon auf ca.4800 m aufgegeben und ist alleine abgestiegen. Ein weiterer Teilnehmer unserer Gruppe beendete dann auf ca. 5000 m seinen Gipfelversuch. Der Rest der Gruppe arbeitete sich trotz widrigen Verhältnissen weiter. Schon bald konnten wir einige vor uns gestartete Gruppen überholen und erreichten die Höhe von 5200 m, von wo weg eine ca. 500 m fast flache Traversierung in den Sattel folgt. Hier geben weitere 3 Personen unserer Gruppe auf und treten den Rückweg an. Die Sicht verschlechterte sich auf fast null und wir spurten im knietiefen Neuschnee mit Hilfe eines GPS-Gerätes in den Sattel. Von meiner Gruppe war nun nur noch ein Teilnehmer übrig, der sich stark genug fühlte, die die letzten 300 m Richtung Gipfel zu machen. In der Zwischenzeit haben wir alle Bergsteiger überholt und 2 weitere Österreicher haben sich uns angeschlossen. Schon um 11:30 h standen wir bei einem kurzen Schönwetterfenster auf dem 5642 m Westgipfel des Elbrus. Nach Norden hin hatten wir für kurze Zeit hin ausgezeichnete Sicht, doch von Südwesten her stellten sich schon riesige Wolkentürme auf. Nach einer sehr kurzen Pause am Gipfel machten wir uns rasch auf den Weg nach unten. Während des Abstieges begegneten wir zahlreichen anderen Bergsteigern aus Russland, Deutschland und der Schweiz. Einige von ihnen machten schon während des Aufstiegs einen ziemlich erschöpften Eindruck. Die Sicht verschlechterte sich wieder extrem und es begann auch wieder zu schneien. Doch wir kommen im Abstieg gut voran und erreichten schon um 14:30 h die Botschki. Der Rest der Truppe erwartete uns schon. Nach einer weiteren Nacht in den Biwackschachteln machen wir uns am Morgen des 9. Mai bereit für die weitere Abfahrt ins Tal. Auch zu diesem Zeitpunkt herrschte wieder ein starker Schneesturm und null Sicht. Der Chef der einheimischen Agentur erklärte uns beim Frühstück, dass ca. 10 – 20 Leute am Berg vermisst seien. Natürlich haben wir unsere Hilfe angeboten, die wurde allerdings abgelehnt, da schon mind. 60 Bergrettugnsleute der Region unterwegs seien und man keine weiteren Menschen gefährden wollte. Während unserer Abfahrt kamen uns mehrere Snowcats gefüllt mit Bergrettungsleuten entgegen und so machten wir uns mit ruhigem Gewissen auf den Weg ins Tal. Die Wetterverhältnisse verbesserten sich auch diese Woche erst wieder am Donnerstag als wir Abreisetag hatten. Wir konnten keine weiteren Touren machen und ich versuchte mehrmals zu erfahren, wie es um die Vermissten steht, bzw. ob Hilfe benötigt wird. Bis Mittwoch, dem 10.5 am Abend stand dann fest, dass mind. 21 russische Bergsteiger immer noch am Berg vermisst sind,da die einheimische Bergrettung nicht in der Lage war, bei diesen schlechten Witterungsbedingungen aufzusteigen. Als wir am Donnerstag nach Mineralny Vody abreisten, war ein herrlich schöner wolkenloser Tag und die Bergrettung machte sich neben zahlreichen anderen Gipfelversuchern auf den Weg Richtung Elbrus. Lt. Auskunft deutscher und Schweizer Bergsteiger hat sich am Sattel auf 5300 m ein ziemlich grauenvolles Bild gezeigt. Es wurden am 11.5 auf 5300 m 12 russische Bergsteiger tot aufgefunden. Am selben Tag konnte einer der russischen Alpinisten über ein abgelegenes Seitental Terskol erreichen. 9 weitere Alpinisten waren zum Zeitpunkt unserer Abreise noch vermisst. Wir erreichten am 12.5. alle wieder heil Österreich. 

Natürlich stellt sich nun die Frage, warum von Seiten Russlands so gut wie kein Nachrichtenfluss stattfindet, warum keine Fremdhilfe angenommen wird und warum die meisten Bergsteiger immer dazu neigen zu glauben, nur weil ein Berg nicht 8000 m hoch ist, sei er ungefährlich. Zur Rettungsaktion selber möchte ich nicht sehr viel sagen, aber auch da ist es verwunderlich, dass der im Tal direkt am Fusse des Elbrus stationierte Helikopter nicht einmal am Donnerstag bei Schönwetter gestartet ist, um die Suche der restlichen Leute, die nun nach fast 72 Stunden vermisst waren, professionell aufzunehmen. Natürlich bleibt bei uns nach dieser Aktion schon ein wenig der Verdacht einer 2-Klassen-Gesellschaft hängen. Wäre diese Rettungsaktion besser ausgegangen, wenn es sich nicht um ukrainische Bergsteiger gehandelt hätte, sondern um Österreicher, Deutsche, oder sonstige Nationen, die ausreichend versichert sind?

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