Aufräumaktion am Dach der Welt
Montag, 1. Mai 2006 von PiccoEin Erlebnisbericht von Christian "Picco" Piccolruaz über seine Arbeit im Khumbugebiet (Mount Everest, Nepal) mit Han Wang Jongs "Clean the Mountains" - Expedition im Mai 2006:

„Das war knapp“, denk ich mir, als ich im oberen Teil des Eisbruches über kühlschrankgroße, frische Eistrümmer in Richtung Basislager absteige. Auf ca. 50 m Weglänge liegt ein kollapierter Serac auf der Route durch den berühmtberüchtigten Khumbu-icefall. Die Sonne brennt hier auf etwas unter 6000 m Seehöhe gnadenlos herunter, doch die Schweissperlen auf meiner Stirn rinnen mir nicht nur aufgrund der Hitze ins Gesicht.Yann Delevaux, der zweite internationale Teilnehmer dieser Expedition, brachte die objektive Gefährlichkeit dieses Abschnittes des Everestnormalweges auf einen Punkt: „Mehr als dreimal geh ich dort nicht durch“, war seine Devise. Auch ich bin froh, dass ich jetzt das letzte Mal unter den großen Eistürmen durch muss. Gerade einmal vor zwei Wochen hat es hier 3 Sherpas beim Lastenschleppen erwischt, bunte Gebetsfahnen von Eisturm zu Eisturm gespannt erinnern an das tragische tödliche Unglück.

Seit einem Monat bin ich schon hier in Nepal unterwegs, zusammen mit Yann, dem französischen Bergführer aus Chamonix und mehr als einem Dutzend Koreanern. Die Expedition leitet Han Wang-Yong, ein erfahrener Achttausenderbezwinger, der zusammen mit zwei anderen Südkoreanern schon alle 14 Achttausender bezwungen hat. Han war es auch, der die Idee für die Aufräumaktion am Everest hatte, letztendlich will er die Basecamps aller 14 Achttausender entrümpeln.
Den Kontakt zu den Koreanern knüpfte übrigens Peter Plattner auf der letzten Internationalen Sportartikelmesse in München und ein paar Telefonate später stand fest, dass ich die von Daewoo und Millet komplett gesponserte Expedition begleiten durfte.

Die ersten Wochen in Nepal waren sehr abwechslungsreich, schon allein die Ankunft in Kathmandu war spannend, weil zu diesem Zeitpunkt gerade der König großteils entmachtet wurde. Nach der Ankunft am Flughafen konnten wir erst nach zwei Stunden langen Wartens ins abgeschirmte Hotel fahren, brennende Autoreifen auf den Strassen und Militärpräsenz zeugten von den Unruhen.
Nach einer Pressekonferenz im Hotel Annapurna flogen wir einen Tag später nach Lukla, dem eigentlichen Ausgangspunkt unserer Expedition. Von hier ging es mit Yaks und Trägern nach Namche Bazar, wo wir wieder einige Tage verbrachten. Ein südkoreanisches Ärzteteam, das uns begleitete, versorgte hier kostenlos die einheimische Bevölkerung medizinisch und auch wir mussten den Ärzten behilflich sein. Ein paar Tage später bezogen wir unsere Zelte am Fuße des Mount Everest in 5300 m Seehöhe auf dem Khumbu Gletscher. Hier war erstmal eine Säuberungsaktion angesagt. Wir durchstreiften das gesamte Basecampgelände und konnten so mehrere 100 kg Abfall einsammeln. Ein koreanisches Filmteam war immer dabei und filmte akribisch die ganze Aktion.

Doch auch die Hochlager sollten von liegengelassenen Sauerstoffflaschen, Gaskartuschen, alten Seilen, kaputten Aluleitern etc. gesäubert werden. So arbeiteten sich die Teilnehmer und ca. 7 Sherpas über Camp 1, 2 und 3 bis auf den knapp unter 8000 m hoch gelegenen Südsattel vor. Vom höchstgelegenen Müllplatz der Erde konnten so trotz viel Schnee einige Dutzend Sauerstoffflaschen geborgen werden.
Die vergangenen zwei Tage verbrachte ich in Lager 2 auf 6400m Seehöhe und eigentlich wollte ich weiter zum Südsattel, doch eine schlechte Akklimatisation und Bauchschmerzen jeden Abend powerten mich kontinuierlich aus. Echt interessant, wie schnell man dort oben aus der Puste geraten kann, wenn man nicht richtig akklimatisiert ist.

Die Temperaturunterschiede im Zelt waren ebenfalls extrem. In der Nacht sinkt das Thermometer leicht auf -15°C, doch um 8 Uhr in der Früh, wenn die Sonne zum Vorschein kommt, schnellt es schnell auf +30°c oder mehr, gut, wenn man dann seinen Schlafsack aufs Zelt legt, um das Innere abzuschatten. Trotzdem braucht man auch im Zelt die Sonnenbrille, so gleißend ist es hier droben. Nur in der Unterhose herumliegend, kann man sich so die nächtliche Kälte aus den Gliedern ziehen lassen.

Am Tag entfernten wir einige Zeltreste aus einer Spalte und verschnürten alles zum Abtransport. Einige Sherpas waren gerade vom Basecamp mit Essen hochgekommen und eine Stunde später stiegen sie wieder ins Tal ab, jeder mit 20 kg Müll am Rücken. Sie sind die wahren Helden hier am Everest, machen 1500 Höhenmeter in einem „go“, rauf zum Südsattel von Camp 2 und zurück an einem Tag, wenns sein muss. Sie sind die Höhe gewohnt und verzogen jedesmal ihre Gesichter zu einem breiten Smile, wenn ich auf ihre Frage: „What`s with your head: Dingding??“ nicken mußte. Ich hasse Kopfschmerzen, weil ich sie eigentlich niemals habe, ausser vielleicht nach einer durchzechten Nacht, aber sonst eigentlich nie. Auch die Tatsache, die ich mir oft einredete, nämlich dass genau zum selben Zeitpunkt sicher viele Millionen Menschen auch Kopfweh haben müßten, machte es mir nicht leichter.

Vorsichtig steige ich weiter in Richtung Basecamp ab. Der Weg durch den Bruch hindurch ist ja eigentlich hervorragend hergerichtet, ähnlich einem Klettersteig führt ein Seil über Eisbrücken, Spalten und Abbrüche. Größere Spalten werden mit Hilfe von verankerten Aluleitern überwunden, hier befinden sich sogar meist zwei Seile zum Halten rechts und links der Leiter, in die man seine klettersteigsetähnlichen Sicherungsschwänze einhängt. Es ist gar nicht so einfach, mit den Steigeisen über die wackeligen Leitern zu tanzen, Konzentration ist hier angesagt, damit man nicht in die verwendeten 9mm-Spiralseile Marke Bauhaus stürzt.

Endlich seh ich unter mir das Basislager durch ein paar Nebelfetzen hindurch und bald werde ich wieder in meinem gemütlichen Zelt liegen, wegen des nachmittäglich einsetzenden Schneefalls alle 20 min das Zelt vom Schnee abklopfen, irgendein Buch das zweite Mal lesen und ans Abendessen denken. Erholung ist dann angesagt.

Eine gute Stunde später liege ich müde in meinem 1500 Gramm-Daunenschlafsack und ziehe mir MP3-Sound rein und in einer Stunde gibt es Abendessen, zwar wahrscheinlich wieder Fischsuppe, ein Reisgericht mit scharfem Gemüse und Reiswasser zum Trinken, aber immerhin. Morgen kommt ein neuer Tag und der wird schön sein.
» ANFRAGE senden








